Leseprobe: Kurzkrimi DEADLINE – aus der Weihnachtsanthologie LAMETTA, LICHTER, LEICHENSCHMAUS

„Muss es eine Weihnachtsgeschichte sein?“, hab ich Anke gefragt. – „Es ist der Krimi für das letzte Adventstürchen, für den Weihnachtstag! Also ja, er sollte schon mit Weihnachten zu tun haben.“ – „Drei Tage sind zu kurz, das stresst mich, ich steigere mich dann zu sehr rein.“ – „Ich denke du brauchst Zeitdruck zum Schreiben? Bitte, du bist meine letzte Rettung. So kurz vor Weihnachten halst sich doch sonst keiner sowas auf.“ – „Aber ich oder wie?“ – „Na klar, du hasst Weihnachten und du willst sowieso nicht feiern, also hast du Zeit.“ Ankes Argumentation folgte immer schon einer bestechenden Logik. Mir fiel nichts anderes ein, als mich in einen Hustenanfall hinzusteigern, der mich bestimmt sowieso gleich überfallen hätte: „Bin erkältet, verschleppte Grippe.“ – „Den Reizhusten hast du doch schon, seit du in Berlin lebst.“ – „Wo soll ich überhaupt schreiben?,“ versuchte ich es mit praktischen Argumenten. „Keiner aus der WG fährt heim, stattdessen feiern sie zusammen, putzen, drucken Rezepte aus, telefonieren laut und hören Wham! Und außerdem hasse ich Weihnachten nicht, nur diese Kinkerlitzchen, die angeblich zum Fest dazugehören. Engel, Sterne, Weihnachtskugeln aus Plastik, den Geschenkehype, die Massen an künstlichem Nippes, buntes Licht. Aus jedem Lautsprecher schleimige Gesänge, die von Freude über das Jesuswunder künden, ja wo waren diese Stimmen denn, als Maria sie gebraucht hätte? Und dann diese klebrigen Gerüche überall. Also das ganze sinnbefreite Theater kann mir sowas von gestohlen bleiben.“ – „Herrlich, schreib gleich los. Bring den Weihnachtsmann um. Oder vergifte die heiligen drei Könige. Meine Leser freuen sich drauf!“

Dann hat Anke mir den Schlüssel für das Haus im Oderbruch gegeben, in dem ihr Vater gelebt hat und das jetzt leer steht. Anke überlegt es zu verkaufen, aber die Preise für Immobilien in Hauptstadtnähe steigen gerade und sie will abwarten, bis sie noch höher geklettert sind. Es ist außerdem renovierungsbedürftig und sehr eigen, die Heizungsanlage hat Ankes Vater selbst konstruiert und eingebaut. Seit er im Altersheim wohnt und seine Hände betrachtet, als gehörten sie ihm nicht, kennt sich nur noch Frau Speckmann mit dem Mechanismus aus, die Nachbarin im Haus nebendran. „Sie heißt eigentlich Beckmann aber sie ist doppelt so breit wie ihre Haustür und kann nicht mehr raus. Oder vielleicht will sie es einfach nicht. Sie hat jedenfalls seit zehn Jahren das Haus nicht mehr verlassen. Ihre Einkäufe hat mein Vater für sie gemacht. Naja, jetzt bestellt sie bestimmt online.“ – „Ohje. Und wie soll sie mir dann die Heizung erklären?“ – „Du rufst sie an, wenn du direkt vor der Heizung stehst und sie erklärt dir alles, sie hat die ganzen Hebel und Griffe genau im Kopf. Kein Problem, sie ist ja immer da, richte ihr Grüße von meinem Vater aus und dann gibt sie dir ihre Nummer.“ Anke leiht mir sogar ihr Auto aus, denn die Busse fahren im Oderbruch nur einmal in der Stunde und der Wind fegt über die Felder dahin und zieht in jedes Knopfloch. Von Berlin aus sind es siebzig Kilometer, nur eine Stunde und fünfzehn Minuten Richtung Oder. Der Ort heißt Raufeld. Sechs Häuser und Gehöfte schmiegen sich in eine weite Senke, rundherum Felder. Das Haus, das am weitesten abseits liegt, ist Ankes. „Es ist totenstill da draußen, geh bloß nicht hinterm Haus spazieren, dort fängt ein Sumpf an, die Landschaft ist im Winter komplett trostlos und morbide und die Dorfleute sind allesamt verrückt“, meinte Anke. „Du wirst dich wohlfühlen.“ Den Kofferraum und die Rückbank hat sie mit Decken vollgepackt, mit Dosensuppen und allem, wovon sie meint, dass ich es gebrauchen könnte. Den nächsten Supermarkt gibt es in Letschin, in Raufeld nicht mal einen Bäcker, auch keinen Briefkasten oder Dorfplatz. „Nur den kaputten, alten Brunnen, naja, und die Dorfleute: einen verwirrten Alten, der seit Jahrzehnten seine Katze sucht. Einen Uniformfetischist. Eine Kräuterfrau, die nachts durch die Gärten schleicht. Und einen fiesen Jungen, der im Baumhaus sitzt und auf Vögel schießt. Nicht zu vergessen Frau Speckmann. Wieso schreibst du deine Geschichte nicht über die Raufelder und lässt einen nach dem anderen umkommen? Jeden Tag schubst der Mörder einen in den Brunnen. Der ist noch aus Feldsteinen gebaut, mit Drehkurbel und Eimer. Er ist hundert Meter tief oder noch mehr, und wenn man einen Stein reinwirft, dann schlägt er nicht auf, man hört gar kein Geräusch, der Stein verschwindet einfach, genau wie die Leute, die reinfallen. Übrig bleibt nur die Schriftstellerin. Sie ist die Mörderin und wird am Ende von der Geisterkatze gefressen, die der Alte die ganze Zeit gesucht hat.“ Anke betreibt ihren Krimiblog schon sehr lange, zu lange fürchte ich. Aber die Idee mit den häppchenweise ermordeten Dorfbewohnern gefällt mir. Vom Küchentisch aus hat man alle Häuser von Raufeld im Blick. Ich habe auch schon das Baumhaus des kleinen Vogelhassers entdeckt. Der verschwindet vielleicht als erster im Brunnen. 

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